Besondere Orte des Wandels in Bremen

Die Wahl der Inhalte besteht zunächst aus dem Schaffen einer überschaubaren Sammlung interessanter Orte des Wandels in der Bremer Innenstadt. Die Recherche beschränkt sich im Einzelnen darauf einen Eindruck zu geben, wie jene Punkte mit dem Thema Stadtentwicklung zusammenhängen, was sie interessant macht und welches der (wieder) sichtbar zu machende Aspekt sein könnte. Eine weitere, inhaltlich genaue Ausformulierung der einzelnen Themen ist in dieser Arbeit nicht enthalten, die jeweiligen Visualisierungen zeigen Platzhalter-Texte.

Die ersten Beispiele zeigen, wie Stadtentwicklung sich auf den historischen Schein einer Stadt auswirken kann. Neben vielen nach dem Krieg originalgetreu wieder aufgebauten Gebäuden gibt es auch solche, deren alte Fassaden an andere Orte versetzt oder in einem historischen Stil komplett neu entworfen wurden. Heute erwecken sie den Anschein in dieser Form bereits seit Jahrhunderten an Ort und Stelle zu stehen, ihre eigentliche Herkunft ist für Besucher wie auch Bewohner der Stadt unsichtbar geworden. Ein mobiler Stadtführer kann diese Punkte nicht nur sichtbar machen, sondern auch erklären warum nicht jede historische Fassade an ihrem originalen Platz bestehen blieb:

  • Amts-Fischer-Haus – Schnoor 35

    Kaum jemand weiß heute noch, dass die Fassade des Amts-Fischer-Hauses ursprünglich an einem völlig anderen Ort stand – im heutigen Stephanieviertel, an einer Stelle an der in den 1930er Jahren eine Straße entstand. Im Schnoor steht die bis dahin eingelagerte Fassade erst seit Ende der 1960er Jahre und fügt sich seitdem so gut in das historische Gesamtbild der Straße ein, dass seine eigentliche Herkunft 1 den meisten Besuchern des Schnoors verborgen bleibt.

  • Sparkasse und Raths Apotheke – Am Markt 11 - 12

    Das Ensemble der Bauten am Bremer Marktplatz begeistert die Touristen. Weitgehend unbekannt und nicht sichtbar ist jedoch, dass nach dem Krieg auch hier kräftig nachgeholfen wurde. So sind die beiden Giebel des Hauses Nummer 11 (Raths Apotheke)in ihrer heutigen Form erst nach dem Krieg entstanden, zuvor besaß das Dach nur einen einzigen, mittigen Giebel. Nur wenige Jahre zuvor wies das Gebäude sogar eine noch viel schlichtere Biedermeier Fassade 2 auf. Interessanter noch ist das Gebäude der Sparkasse: Dieses ist (von der Seite gut erkennbar) ein Neubau aus dem Jahre 1958, dessen Rokoko-Fassade zuvor ein Haus an der Schlachte 31B schmückte. Dieses überstand den Krieg selbst jedoch nicht. Auch das alte Gebäude an der Stelle der Sparkasse wurde im Krieg zerstört 3.

  • Giebel – Langenstraße 17

    Ebenfalls versetzt wurde in den 1970er Jahren der Giebel der ehemaligen Sonnenapotheke von 1770. Dieser wanderte von der Sögestraße 35 in die Langenstraße 17. Die Bomben des 2. Weltkrieges ließen von letzterer Straße nur wenig übrig, so dass in den Nachkriegsjahren versucht wurde mit verbliebenen Elementen 4, ein teilweise historisches Bild wieder auferstehen zu lassen.

Viele Orte einer Stadt sind Gegenstand reger Planung, ohne dass die Entwürfe unbedingt umgesetzt werden. Einige dieser Pläne geraten über die Jahre in Vergessenheit und sind heute umso interessanter, denn sie zeigen einen Teil des Stadtbildes, welcher so nie entstanden ist. Besonders eindrucksvoll zeigt dies das folgende Beispiel:

  • Bremer U-Bahn – Innenstadtbereich

    Bremen wird heute oft als Dorf mit Straßenbahn bezeichnet. Dass vor vielen Jahren gar eine eigene U-Bahn in Planung war, ist zumindest unter den Bremern jüngerer Generation unbekannt. Die zum Teil fortgeschrittenen Pläne die Straßenbahnen, vor allem im Innenstadtbereich, unter die Erde zu verlegen reichten bis an das Ende der 1960er Jahre zurück. Dieser Punkt kann digital eindrucksvoll sichtbar machen, was es in Bremen wahrscheinlich nie zu sehen sein wird 5.

Wahrscheinlich hat jede Stadt Orte, die nicht sichtbar sind weil sie unter der Erde liegen. Menschen laufen täglich über Bunker, Gewölbe oder Friedhöfe hinweg, ohne je von ihnen gehört zu haben. Verschüttete, überbaute und lange vergessene Orte kennenzulernen, ohne sie dabei jedoch betreten können, kann besonderer Anreiz für die Nutzung eines mobilen Guides sein:

  • Liebfrauenkirchhof – Unser Lieben Frauen Kirchhof

    Zu behaupten, dass Blumenmarkt-Besucher über Leichen gehen, klingt etwas drastisch 6, doch genau dies tuen viele Bremer ohne davon zu wissen, wenn sie ihre Blumen auf dem Liebfrauenkirchhof kaufen, tatsächlich. Seit dem 9. Jahrhundert bis ins Jahr 1813 wurden hier viele Bremer Bürger bestattet, und die Gräber existieren unter dem Pflaster des beliebten Marktes noch heute. Einziger Verweis auf die ehemalige Nutzung des Platzes ist heute sein Name.

  • Balge – Verlauf zwischen Balgebrückstraße / Stintbrücke

    Die Balge ist ein ehemaliger Flussarm der Weser und wurde im Mittelalter unter anderem noch als Hafen genutzt. Die Balge teilte die heutige Innenstadt Bremens damals in zwei, zum Teil durch Brücken miteinander verbundene, Teile. Heute weisen vor allem Straßennamen wie Balgebrückstraße oder Hinter der Balge auf den zugeschütteten Flussarm hin. Auch eine unterschiedliche Pflasterung zeigt, von den meisten Besuchern unbemerkt, den ehemaligen Flussverlauf 7.

  • Brilltunnel – Am Brill / Hutfilterstraße

    Ein Beispiel, dass auch heute noch Orte verschüttet werden ist die Untertunnelung am Brill. Der unter Bremern bekannte Fußgängertunnel mit seinen Rolltreppen unter der Brill-Kreuzung ist erst seit wenigen Monaten geschlossen 8. Dennoch ist für Besucher Bremens schon jetzt kaum ein Hinweis mehr auf das Bauwerk der 1960er Jahre sichtbar.

  • Bunker in den Wallanlagen – Am Wall / Ostertorstraße

    Offensichtlich sind viele der oberirdischen Bremer Bunker-Klötze. Ebenfalls relativ bekannt, und durch große Metallklappen im Boden immerhin vorstellbar, ist eine unterirdische Atombunker-Anlage unter dem Domshof. Bis vor wenigen Monaten aber völlig vergessen war ein Bunker in den Bremer Wallanlagen. Erst durch ein Einbrechen der Erde wurden die unterirdischen Räume in der Nähe des Polizeipräsidiums wiederentdeckt, können aufgrund ihrer Baufälligkeit von Besuchern Bremens jedoch nicht eingesehen werden. Nur eine baustellenähnliche Absperrung verrät zur Zeit 9, dass sich unter der grünen Wiese etwas befindet.

Interessant sind Änderungen im Stadtbild auch dort, wo eine aktuelle Veränderung bereits beschlossen oder angedacht, diese jedoch noch nicht sichtbar ist. Diese Beispiele mit dem Schwerpunkt Zukunft entstammen den Recherchen des ThinkBETA Kurses:

  • Volksbank – Domsheide 14

    Das heutige Gebäude der Bremischen Volksbank entstand in den 1960er Jahren. Umfassende Sanierungspläne wurden aus Kostengründen fallen gelassen. Dem daher zur Zeit in Planung befindlichen Neubau ging eine Ausschreibung voran, welche ein Architekturbüro aus Berlin 10 gewann. An diesem Ort des Wandels lassen sich zugleich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anschaulich zeigen.

  • Ansgarikirchhof – Ansgarikirchhof / Ansgaritorstraße

    Auch der Bereich um den Ansgarikirchhof hat eine bewegte Geschichte. Heute weist kaum mehr als sein Name 11 auf die hier einst stehende Kirche hin. Aber auch die Zukunft des Areals ist derzeit ungewiss, unter anderem gibt es Pläne zum Abriss mehrerer Gebäude der Neuzeit und zum Bau eines Einkaufscenters 12 an dieser Stelle.

Stadtentwicklung kann nicht nur das äußere Bild einer Stadt betreffen und beeinflussen sondern auch in der Umnutzung von Objekten deutlich werden. Die vorherige Form der Nutzung wird dabei zum Teil unsichtbar:

  • Wilhelm-Wagenfeld-Haus – Am Wall 209

    Ein Beispiel für besonders drastische Umnutzung ist die ehemalige Ostertorwache. Äußerlich hat sich das Gebäude kaum verändert. Wurde das 1828 als Gefängnis erbaute Gebäude noch bis Mitte der 1990er Jahre für die Abschiebehaft genutzt, ist es heute ein Museum für Design und erinnert außerhalb einiger erhaltener Gefängniszellen kaum an seine Vergangenheit. Der Bezug zur Stadtentwicklung ist hier besonders stark, da der Bau sein für ein Gefängnis ungewöhnliches Äußeres der Tatsache verdankt, dass nur wenige Jahre vor der Errichtung die Stadtmauern eingerissen und die Wallanlagen in einen Park umgewandelt wurden. Die Bedenken der in den Wallanlagen gerne spazierenden Bevölkerung gegen ein Gefängnis an dieser Stelle sollten ausgeräumt werden, indem der Bau seine Funktion äußerlich nicht verriet 13.

Viele Orte in der Bremer Innenstadt lassen sich heute nicht einmal mehr erahnen. Dennoch gibt es durch Straßennamen häufig konkrete Hinweise auf ihre ehemalige Position und Funktion. Diese zeigen auf ihre ganz eigene Art den Wandel einer Stadt, denn unabhängig von baulichen Veränderungen im Stadtbild haben sie sich zum Teil seit Jahrhunderten kaum verändert und sind somit zu einer Art Wegweiser durch die Vergangenheit geworden:

  • Bremer Stadttore – Rund um die Wallanlagen

    Von der Bremer Stadtmauer, die nicht nur die Altstadt sondern auch die Neustadt umfasste, sind heute nur noch die Wall- und die Parkanlagen hinter der Hochschule Bremen sichtbar. Die Mauer, wie auch ihre Stadttore, wurden zwischen 1802 und 1815 abgerissen 14. Von den Stadttoren und ihrer Position zeugen noch zahlreiche Straßennamen wie Ansgaritorstraße, Doventorstraße, Stephanitorsteinweg, Ostertorstraße, Herdentor, Hohentorstraße und Buntentorsteinweg. Auch die Bischofsnadel genannte Straße ist ein ehemaliger Zugang zur Stadt, der dem Bischof Bremens vorbehaltent 15 war.

  • Weitere Straßennamen – Innenstadtbereich

    Nahezu jeder Straßenname in der Bremer Altstadt 16 weist auf Vergangenes hin: In der Knochenhauerstraße übten einst Schlachter ihr Handwerk aus, die Straße Fangturm erinnert an einen Gefangenenturm, der Schnoor an die dort ansässigen Seilmacher und die Wüstestätte bekam ihren Namen nach einem Brand, der jenen Bereich verwüstete. Die Domsheide und die Sandstraße deuten auf die Beschaffenheit der Umgebung noch vor ihrer Bebauung hin.

Auch Orte, die jedem Touristen durch übliche Stadtführer bekannt sind und daher für die Thematik zunächst als nicht geeignet erscheinen, lassen sich zum Teil aus einem besonderen Blickwinkel betrachten:

  • Der Roland – Am Markt

    Der Roland ist neben den Stadtmusikanten das wahrscheinlich meistfotografierte Motiv Bremens. Da der Roland eines der ältesten Objekte der Stadt ist lässt sich, neben den üblichen Legenden und Sagen, auch eine deutliche Veränderung und somit nicht mehr sichtbares zeigen. So bestand der erste Roland aus Holz und wurde 1366, nur wenige Jahre nach seiner Aufstellung, niedergebrannt 17. Der folgende, steinerne Roland veränderte sich mehrmals in seiner Bemalung und wurde 1944 zum Schutz vor Bombensplittern eingemauert 18. Ebenfalls für den Besucher nicht sichtbar: der Kopf des Rolands ist eine Nachbildung, das Original befindet sich im Focke-Museum.

Die Bremer Innenstadt bietet noch viele weitere interessante Orte des Wandels, welche hier nur in Kürze erwähnt werden sollen: An der Stelle Kaufhofs stand vor rund 70 Jahren ein nahezu schlossartiges Gebäude des Norddeutschen Lloyds 19, die Weserburg glich vor dem 2. Weltkrieg äußerlich tatsächlich einer Burg, auf dem Gelände des Teerhofes wurden über eine lange Zeit Schiffe gebaut und geteert 20, die Obernstraße war bis vor ca. 150 Jahren eine luxuriöse Wohnstraße und auch der heute weithin sichtbare Dom hat viele Bau- und Gestaltungsphasen hinter sich, ist niedergebrannt und in anderer Form wieder aufgebaut worden und zeigt mit jeder dieser Phasen den Geist einer Epoche 21.

Interessant sind auch die Pläne des Vereins Lüder von Bentheim, welcher Anfang des 20. Jahrhunderts einen Fassaden-Wettbewerb veranstaltete, in dem Neue Fassaden für Bremens Altstadt 22 entworfen wurden. Der Verein forderte, dass abgerissene oder umgebaute Gebäude innerhalb Bremens Altstadt mit historisch wirkenden Fassaden 23 ausgestattet werden sollten. Eine beeindruckende Zahl von Entwürfen veranschaulicht, wie Bremens Altstadt heute hätte aussehen können, wäre es nach den Wünschen des Vereins gegangen.